Dienstag, 31. Oktober 2017

Lautgebärden

Lautgebärden sind ein fester Bestandteil unserer sprachheilpädagogischen Arbeit. Wir führen zu jedem Buchstaben, neben dem Graphem auch eine Lautgebärde ein. Die Lautgebärden sind unsere "Geheimzeichen". Lautgebärden sind in diesem Kontext nicht als Zeichen für Gehörlose zu verstehen, sondern als Handzeichen für ein Phonem.

Was für Lautgebärden gibt es?
Es gibt unzählige Lautgebärden, denn die meisten Lehrwerke haben inzwischen ihre eigenen Lautgebärden. Es gibt auch viele Kriterien, an denen man sich bei der Auswahl orientieren kann. Einige möchte ich an dieser Stelle einmal nennen:
  • Lautgebärden, die sich am Graphem orientieren. Das heißt sie orientieren sich an der Form des Buchstabens und ihren optischen Entsprechungen.
  • Lautgebärden, die sich an bestimmten Assoziationen orientieren. Zum Beispiel eine mögliche Gebärde für das Diphthong "au", bei der man sich in die Wange kneift.
  • Lautgebärden, die sich an der Lautbildung orientieren. Das heißt, dass die Lautgebärden am Artikulationsort des Lautes gemacht werden.
  • Lautgebärden, die sich an der Dynamik der Artikulation orientieren. 
Welche Kriterien sind für die sprachheilpädagogische Arbeit wichtig?
Bei der sprachheilpädagogischen Arbeit sollten sich die Lautgebärden an der Lautbildung und an der Dynamik der Artikulation orientieren; am Graphem sollten sich die Lautgebärde nur in einigen Ausnahmen orientieren. Idealerweise ist das Handzeichen dabei doppelt verankert: ist das Handzeichen mit dem Phonem und dem Graphem verzahnt, können sich die Kinder die Lautgebärde noch besser merken. Dies ist bei unseren Lautgebärden an der Schule zum Beispiel beim /o/ der Fall. Die Lautgebärde des Graphems <o> wird durch die Nachbildung der Lippenrundung durch den Zeigefinger gemacht.
Für unsere Arbeit ist es von Vorteil, wenn die Lautgebärden mit einer Hand gemacht werden können. Dies hat gleich mehrere Vorteile. Für die Lehkraft hat es den Vorteil, dass mit der freien Hand eine Handpuppe bespielt werden kann oder entsprechende Sachen gezeigt werden können. Für die Kinder hat es den Vorteil, dass sie die Lautgebärden auch sprachbegleitend nutzen können; viel wichtiger ist jedoch die Möglichkeit der Nutzung während des Lesens. Die Kinder können mit einem "Lesefinger" den Lesetext nachvollziehen und mit der anderen Hand die Lautgebärden begleitend zum Lesen nutzen. Natürlich müssen sich die Lautgebärden deutlich unterscheiden, damit es zu keinen Verwechselungen kommt.
Bei der Arbeit mit Lautgebärden ist eine Kooperation mit der Logopädie von Vorteil - wenn ein Kind Logopädie bekommt, lernt es dort wohlmöglich auch Lautgebärden. Jedoch sind zwei verschiedene Systeme durchaus verwirrend. Das merke ich fast jede Woche, wenn ich im inklusiven Kontext arbeite und dort andere Lautgebärden verwendet werden. Deswegen ist es hier notwendig mit der Praxis der Logopädie zusammen zu arbeiten und darum zu bitten auch dort die Lautgebärden, die in der Schule verwendet werden, zu benutzen.

Warum sind Lautgebärden so wichtig?
Durch die Lautgebärden können sich die Kinder die Buchstaben und vor allem die Buchstabe-Laut-Beziehung besser merken.

Durch die Lautgebärden ist eine Eindeutigkeit garantiert: Behandelt man beispielsweise die Akkusativmarkierung am bestimmten Artikel, kann eine Lautgebärde die Markierung verdeutlichen: heißt es "der" oder "den"? Durch die Lautgebärde wird es für die Kinder erst richtig deutlich und eindeutig. Sobald die Kinder die Lautgebärden automatisieren, nutzen sie diese sprachbegleitend und greifen auch beim Erlesen von Wörtern immer wieder auf die Lautgebärden zurück. Aus diesem Grund ist es hilfreich, wenn die Lautgebärde am Artikulationsort oder ihrer Dynamik orientiert ist.
Darüber hinaus sind die Lautgebärden natürlich beim Modellieren eines Aussprachefehlers von besonderer Bedeutung; einem Kind, das einen Laut nicht richtig bilden kann, unterstützt eine Lautgebärde bei der richtigen Bildung. Beispielsweise hilft die Lautgebärde zum /sch/ das Kind sich an die notwenige Schnutenbildung bei diesem Laut zu erinnern.

Stören Lautgebärden (die Kinder)?
Dies kann ich ganz klar beantworten. Die Lautgebärden stören weder die Kinder noch mich. Mich stören die Lautgebärden überhaupt nicht - ich merke sie nicht einmal. Ich benutze sie so automatisiert, dass ich gar nicht mehr merke, dass ich sie benutze. Da unsere Lautgebärden an der Schule so zusammengestellt sind, dass wir für die Handzeichen auch wirklich nur eine Hand brauchen, schränken sie mich auch nicht ein, wenn ich mal gleichzeitig etwas anderes halte oder zeigen möchte.
Die Kinder stören die Lautgebärden auch nicht. Ganz im Gegenteil: sie machen ihnen sogar Spaß! Unsere Lautgebärden sind unsere "Geheimzeichen". Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, hatte ich riesen Spaß daran mir mit meinen Freundinnen eine Geheimsprache auszudenken. So ist es auch bei den (meisten) Kindern. Wir verbinden die Geheimzeichen auch mit vielen kleinen Spielen im Unterricht, somit ist weiterer Spaß garantiert und es ist wichtig die Lautgebärden zu können. Denn wer die Geheimzeichen nicht kann, kann bei den Spielen nicht mitmachen.

Gebärden im Unterricht
In meinem Unterricht gibt es jedoch nicht nur Gebärden für die Laute. Ich habe beispielsweise auch Gebärden für die Groß- und Kleinschreibung eingeführt. Auch für die immer wiederkehrende Floskel "kannst du das bitte noch einmal in einem ganzen Satz sagen" habe ich eine Gebärde eingeführt. Dies habe ich mit den Kindern zusammen erarbeitet. Wir haben gemeinsam überlegt, welche Gebärde wir dafür einsetzen. Dies ist besonders wirksam, denn so haben die Kinder einen emotionalen Bezug zu der Gebärde (dies wäre natürlich auch für die Lautgebärden möglich: dabei kann man super mit den Kindern über die Bildungseigenschaften des Lautes reflektieren).





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